Der letzte Märklin Spur 0 Wagen

1. Einleitung:

Das Ende der Spurweite 0 war schon einmal Thema eines längeren Vortrages am Tinplate- Forum(1). Die Arbeit von damals wartet seit Jahren auf eine Überarbeitung und Ergänzung. Mittlerweile konnten eine ganze Reihe Informationen gesammelt und weitere Dokumente aufgefunden werden.
Der heutige Vortrag soll aber nur einen einzigen wenig beachteten Wagen vorstellen, wenn auch einen firmengeschichtlich interessanten.

2. Vorgeschichte:

Die Uhrwerksbahnen der Nachkriegsjahre
„Auch die Uhrwerkbahnen erfreuen sich großer Beliebtheit, speziell bei den Kleinen (…)“ heißt es im Katalog D 47. Diese Produktgruppe füllt hier eine Seite. Das Angebot wirkt mit seinen vier Lokomotiven und vier Bahnen mit Personenzügen wie eine Zusammenstellung der gängigsten Artikel aus der Vorkriegszeit (2). In größeren Mengen ist aber nur eine Bahn lieferbar, die nicht im Katalog zu finden ist. Es ist die „Sonderzusammenstellung“ R 890/25/3. Sie lässt sich in den Preislisten des D 47 ohne Nennung einer Katalogreferenz ab Februar 1948 nachweisen (3). Im neuen Hauptkatalog D 49 ist das Angebot an Uhrwerkbahnen deutlich ausgedünnt. Zwar erscheint jetzt die Packung R 890/25/3 im Katalog, die Bahnen R 890/3, RV 890/3 und R 910/3 sind hier aber nicht mehr zu finden (4). Von allen Uhrwerkbahnen aus dem Katalog D 47 ist 1949 nur noch der Personenzug R 880/2 im Programm. Als einziger Artikel im Katalog D 49 trägt er allerdings den Hinweis „(vorläufig nur für Export)“.
Demnach startet Märklin mit nur einer lieferbaren Uhrwerkbahn im Angebot in den Markt der jungen Bundesrepublik.

3. Neuer Wagen für neue Bahnen

Andere Hersteller geben diese Bahnen einen breiteren Raum in ihren Sortimenten. Von den alten und neuen Konkurrenten sei hier beispielsweise die Firma Gebrüder Fleischmann genannt, die mit ihrer neuen Spur 0 Eisenbahn wohl mehr als einen Achtungserfolg landet. Vergleicht man den einfachsten Personenwagen 400 der Nürnberger Firma mit dem entsprechenden Göppinger Erzeugnis 1719, dann wirkt der Märklin Wagen doch recht spielzeughaft und für die 1950er Jahre nicht mehr zeitgemäß. Märklin hat schon Ende 1949 alle Bahnen mit den einfachen Personenwagen 1719 bzw. 1720 aus dem Angebot genommen. Als Einzelartikel bleiben diese beiden Wagen noch bis Mitte 1950 im Programm (5). So ganz will man wohl in Göppingen das Feld der Spur 0 Uhrwerkbahnen dann doch nicht der Konkurrenz überlassen. Märklin braucht einen ansprechenderen Personenwagen im unteren Preissegment. Eine vertretbare Lösung findet man mit der Vereinfachung eines erfolgreichen Wagenmodells mittlerer Größe.

Eine werksinternen Neuheitenliste (6) für das Jahr 1950 trägt das Datum vom 16.11.1949. Hier findet sich folgende Position:

1723/0 Wagen Spur 0 (aus 1725)

Diese Position wiederholt sich so in einer weiteren Liste vom 21.02.1950.
Möglicherweise fällt danach die Entscheidung, das Fahrzeug nicht als Einzelartikel anzubieten. Am 03.03.1950 fehlt der Wagen 1723 in der wohl letzten internen Neuheitenliste vor der Spielwarenmesse.

4. Märklin Spur 0 Neuheiten 1950

Am 12. Januar 1950 macht Märklin den Handel in einem Rundschreiben auf die erste Nürnberger Spiel-warenmesse aufmerksam. Hier wird man die „diesjährige Kollektion, die wertvolle und interessante Neuheiten enthalten wird, zur Ausstellung bringen.“ Auch in der Spurweite 0 wird eine Reihe von Artikeln gezeigt, die es in den Jahren zuvor nicht gab. Fol-gende Nummern kommen im Sommer 1950 in das Katalogprogramm (7):

- R 880/2 Uhrwerkbahn (mit 2 Wagen 1723)
- R 890/3 Uhrwerkbahn (mit 3 Wagen 1723)
- R 910/27/3 Uhrwerkbahn (8)
- 1671 Offener Güterwagen
- 1769 Rungenwagen
- 1793 Kühlwagen
- 2728 G/6 Eisenbahnfiguren
- 13954 Vorsignal

Neben den drei neuen Uhrwerkbahnen gibt es auch Wiederauflagen anderer Artikel. Die beiden vom 12. bis 18. März 1950 in Nürnberg gezeigten Packungen R 880/2 und R 890/3 sind erhalten geblieben. Ihnen liegen Wagen 1723 bei, die tatsächlich auf Basis entsprechend geänderter Wagen 1725 entstanden sind. Die Artikelnummern an den Wagenkästen sind per Hand übermalt (9).

5. Entdecken Sie die Unterschiede

Gegenüber dem 1725 nimmt Märklin am Wagen 1723 eine Reihe von Veränderungen vor.

- Die Türen an den Seiten sind nur angedeutet.
- Die Puffer entfallen
- Die aufgesetzten Radlagerkappen entfallen.
- Die Farbgebung des Daches ist vereinfacht.

Keine Kompromisse ging Märklin dagegen bei wesentlichen Bauteilen wie den Kupplungen und den Rad-sätzen ein (10). Weiter bleiben auch die Befestigungsschlitze und Kabeldurchführungen für die Nachrüstung einer Innenbeleuchtung (11) vorhanden. Es gibt aber auch eine kleine optische Verbesserung des Wagens 1723 gegenüber dem Wagen 1725:

- An den Türen an den Stirnseiten des 1723 ist die untere Türfüllung hervorgehoben.

Interessant ist weiter der Vergleich der bedruckten Blechtafeln für die Wagenkästen der beiden Wagen.

- Durch den Wegfall der Türen lassen sich aus einer Tafel 13 statt 12 Wagenkästen herstellen.

Der Kunde bekommt ab Mitte 1950 Uhrwerkbahnen mit längeren Wagen in modellmäßigerer Anmutung. Mit dieser Verbesserung geht keine unmittelbare Preiserhöhung einher. Noch bis zum 9. Februar 1951 bleiben die Verkaufspreise der Bahnen R 880/2 und R 890/3 auf der seit dem 16. August 1948 gültigen Höhe.

Der Wagen 1723 war nur in diesen beiden Packungen zu haben. Demnach gibt es keinen Einzelkarton mit dieser Aufschrift. Gezeigt werden kann hier aber das Einwickelpapier.

6. 1724 ?

In Märklins Nummernschema bleibt die Artikelnummer 1724 unbesetzt. Hier ist ein Platz freigehalten worden. Vielleicht war noch ein vereinfachter Gepäckwagen auf Basis des Modells 1726 angedacht. So bleibt der Wagen 1723 aber die letzte umgesetzte Neuentwicklung im Fahrzeugbereich. Es ist auch eines der Fahrzeuge, das am längsten im Angebot bleiben soll.

7. Bis zum Schluss

Noch einmal zeigt Märklin auf der Nürnberger Spielwarenmesse vom 26. Februar bis 4. März 1955 ausdrücklich auch „Eisenbahnen mit Uhrwerkantrieb Spur H0 und Spur 0“(12).

Damit verrät der amtliche Messekatalog, was in der damaligen Fachpresse weitgehend übergangen worden ist (13).
Am 22. März 1955 bittet Märklin den Handel in einem Rundschreiben, die neuen Kataloge und Prospekte zu bestellen. Darunter ist auch die Broschüre „Die große Spurweite 0“. Diese erscheint dann in Form der letzten Ausgabe vom April 1954, versehen mit einem Einlageblatt aus dem August 1955. In dieser Liste sind die nicht mehr lieferbaren Artikel aufgeführt. Das Uhrwerkprogramm ist davon noch nicht betroffen.
Es gibt Hinweise, dass Uhrwerkbahnen 1955 nicht nur noch verkauft, sondern auch neu verpackt worden sind (!4). Erst ab Mitte 1955 verwendet Märklin Etiketten mit grauer Randgestaltung. Sie finden sich an den Verpackungen der letzten Dampfmaschinen und auch noch an einer Reihe von Artikeln der Spurweite 0, darunter Wagen, Zubehörteile und Gleise. Und sie finden sich an Uhrwerkbahnen mit den Wagen 1723.


Ein unscheinbarer Stempelaufdruck an der Stirnseite der Kartons verrät heute, wann die letzten Spur 0 Bahnen Märklins verpackt worden sind: „11 5“ steht für den November 1955.

8. Danksagung

Ein besonderer Dank geht an Dieter Käßer für die Umsetzung des Textes und an die Firma Gebr. Märklin & Cie. GmbH.

Quellen und Anmerkungen:

(1) Bodo Schenck, „Märklin: Das Eisenbahnprogramm in Spur 0 ab 1945“, Vortrag am 11. Tinplate- Forum 1997

(2) Die Uhrwerkbahn R 880/2 enthält gegenüber der 1938 vorgestellten Packung zwei gerade Gleisstücke weniger.

(3) Die PREISLISTE 1948 in RM und die EXPORT-PRICELIST 1948 in $ aus dem Februar 1948 sind derzeit die ältesten bekannten Preislisten für den Katalog D 47.

(4) Der letzte Nachweis der drei genannten Bahnen findet sich in der Preisliste 1949/4a für den Katalog D 47 vom September 1949, während sie in der Preisliste zu Katalog D 49 vom Juni 1949 entsprechend dem Katalogprogramm schon nicht mehr aufgeführt sind.

(5) Der letzte Nachweis für beide Wagen findet sich im Juni 1950 in der Preisliste Richtpreise SCHWEIZ 1950/2 für den Katalog Die große Spurweite 0, gültig ab dem 01. Juli 1950. In den Ausgaben dieser Katalogreihe vom September 1950 sind sie nicht mehr zu finden.

(6) Neuheitenliste 1950, Stand vom 16.11.1949

(7) Es ist nicht ausgeschlossen, dass weitere Artikel in Nürnberg gezeigt worden sind, die aber im Sommer nicht in das Programm kommen. Genannt sei hier der Planewagen 1663.

(8) Gegenüber der früheren Packung R 910/3 enthält die R 910/27/3 ein gerades Gleisstück weniger.

(9) Die Packungen wurden wohl zuletzt 1998/99 im Rahmen einer Ausstellung im Schloss Reinbek bei Hamburg öffentlich gezeigt.

(10) Bei Fleischmann haben die Wagen der Uhrwerkbahnen anfangs Blechräder und lassen sich nicht ohne Tausch der Radsätze auf elektrischen Bahnen einsetzen.

(11) Artikelnummer 13484 , letzter Nachweis in den Preislisten vom Oktober 1953

(12) Amtlicher Katalog 6. Deutsche Spielwaren-Fachmesse Nürnberg, Meisenbach & Co., Bamberg 1955, Seite 130

(13) Böttcher berichtet in seiner Zeitschrift eindrucksvoll von dem Spur 0 Angebot auf dem Märklin Stand, übergeht aber die Uhrwerkbahnen. Werner Böttcher, „Triebwagen und Großstadthäuser, Messebericht aus Nürnberg“, Böttcher´s Modellbahn-Berichte Band 12 Heft 100/101 März 1955, Bergkamen i. W. 1955, Seite 8 bis 9

(14) In werksinternen Katalogen „Die große Spurweite 0“ finden sich handschriftliche Hinweise: „Produktion 1955 eingestellt“

 

(BS, 2018)

 

Der Artikel "Der letzte Märklin Spur0 Wagen" entstand mit freundlicher Genehmigung des Autors basierend auf der Veröffentlichung:

"Der letzte Märklin Spur 0 Wagen"

von Bodo Schenck

welche auf dem 32. Tinplate Forum 2018  am 21/22 April 2018 in Schwäbisch Gmünd vorgestellt wurde.

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